Aus Liebe zur Schöpfung

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Hirtentäschl
Foto: Kaeppel

Liebe Gemeinde,
die Sommerzeit lädt uns ein zum Wandern und Spazierengehen. Da ergeben sich gute Gelegenheiten, die Schönheit unsrer Natur zu entdecken. Und dass sich das lohnt, habe ich selbst erfahren. Kürzlich erst machte ich die Entdeckung einer Pflanze, die zwar gar nicht so selten vorkommt, die ich aber noch nie wirklich bewusst wahrgenommen hatte. Worüber ich staunte, können Sie auf dem beigefügten Foto sehen, das ein Hirtentäschl zeigt, lateinisch auch capsella bursa pastoris genannt. Es ist ein Kraut mit Samenkapseln, die einem umgedrehten Herzen ähneln. Ihre Form erinnert auch an die Taschen der Hirten, die diese früher bei sich trugen und die dem Kraut seinen Namen gaben. In diesen Kapseln steckt ein wahres Kraftpaket voller Vitamine und Mineralstoffe. Man schreibt ihnen auch blutstillende sowie heilende Wirkung zu und man wusste ihren Geschmack vor allem in der mittelalterlichen Küche zu schätzen. Aber diese Vorzüge scheinen eher in Vergessenheit geraten zu sein. Denn man kennt das Hirtentäschl heute eher als Unkraut. Das liegt bestimmt auch daran, dass es an seinen Standort keine besonderen Ansprüche stellt und nicht nur auf Wiesen, sondern auch auf Schutthalden zu finden ist. Draußen in der Natur kann man also jede Menge altbekannter Schönheiten neu entdecken und bestaunen. Und wer erst einmal Spaß daran gefunden hat, der wird immer mehr entdecken und staunen. Dass solche Naturbeobachtungen mehr als nur ein netter Zeitvertreib sind, schildert ein früherer Schüler von Loki Schmidt, die eher als Gattin eines unsrer ehemaligen Bundeskanzler bekannt ist als Grundschullehrerin. Er schreibt: „Loki Schmidt war meine erste Lehrerin in der Grundschule. Sie ließ uns Kräuter suchen, eintopfen und großziehen. Der Wegerich, den ich fand, hatte etwas von einem Wegweiser. Schon wenige Monate ihres Unterrichts genügten, um die Freude an genauer Naturbeobachtung, die Liebe zur Natur und die Achtung vor allen Formen des Lebens in den Herzen von uns Schülern zu verankern. Gelingt einer Lehrkraft das, so hat sie die vordringlichste Bildungsaufgabe erfüllt. Alle weiteren Lehrinhalte erlangen durch diesen Fundamentalinhalt ihre ethische Grundausrichtung.“ Wer die Natur beobachtet, der lernt fürs Leben, der lernt vor allem eine Grundhaltung, die heilsam ist für unser Miteinander unter den Geschöpfen. Auch unsere Gottesdienste leisten ihren Beitrag dazu, die immer wieder neu auffordern, Gott und seine Schöpfung zu lieben. Meine Hoffnung ist, dass solche Grundhaltung Menschen langfristig verändert, damit wir dem schleichenden Klimawandel und dem voranschreitenden Artensterben unter den Insekten, Vögeln, Tieren und Pflanzen, an deren Ursache auch wir Menschen unseren Anteil haben, etwas entgegenstellen können. Ein Anfang dazu ist unser eigenes Staunen über die Schönheit, die uns Gott Tag für Tag vor unsrer Haustür schenkt. Haben Sie viel Freude beim Beobachten und Entdecken! Eine gute Sommerzeit und bleiben Sie wohlbehalten!
Ihr Pfarrer Gottfried Kaeppel